Archiv für November 2015

Kommentar von „Grenzenlos Kochen Hannover“ zum Pakt der EU mit der Türkei zur „Eindämmung des Flüchtlingsstroms“ am So., 29.11.15:

„Schon bald wird es vielleicht nicht mehr so viele Bilder von ankommenden Flüchtlingsbooten geben. Denn die Türkei wird nicht nur seine Seegrenze zu Griechenland abschotten, sondern auch seine Landgrenze zu Syrien. Hier wird sie die Menschen in die Hände des IS zurückübergeben müssen, wenn sie den Forderungen der EU Folge leisten will.
Dann sterben die Menschen wieder in scheinbar weiter Ferne, in einem maximal 2-minütigen Slot in den Nachrichten, als direkte Opfer von Krieg und Terror. Und, wer weiß, vielleicht werden wir in Deutschland und in der EU dann auch ziemlich bald vergessen, dass es auch anders möglich wäre, dass diese Toten nicht nötig wären, dass wir eine direkt erkennbare Mitschuld an den Toden tragen; weil wir die Tür ganz fest verschlossen hielten, als die noch Lebenden draußen klopften.

Anstatt in Zeiten des Terrors näher zusammenzurücken, geht man auf Distanz und zerreißt sich selbst – das ist wahre Menschlichkeit…“

Zitate vom „Flüchtlingsgipfel“:

Es sei auch im Interesse der Flüchtlinge, dass sie ihrer Heimat so nah wie möglich blieben, sagte Frankreichs Präsident François Hollande.

„Das betrifft zum Beispiel die Frage der Kontrolle der Grenzen – nicht nur mit Europa, sondern auch mit Syrien.“, sagte der belgische Regierungschef Charles Michel.

„Wir sind eine europäische Nation. Wir wollen Teil (…) der europäischen Familie sein“, sagte der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu.

Quelle:
Spiegel Online, Flüchtlingskrise: EU und Türkei einigen sich auf Aktionsplan

Nach der Nacht – Unruhen in Indomeni II.

9. Bericht von Grenzenlos Kochen Hannover: 27.11.15, griechisch-mazedonische Grenze, Idomeni

Spiegel-Artikel zum Geschehen: http://www.spiegel.de/politik/ausland/fluechtlinge-reissen-zaun-zwischen-griechenland-und-mazedonien-nieder-a-1064774.html

Die vergangene Nacht haben wir an der griechisch-mazedonischen Grenze nahe der Stadt Idomeni verbracht und versucht, die Leute so gut wie möglich zu unterstützen. Die Lage ist schlimm:
Etwa 2000 Menschen hängen bislang hier am Grenzübergang fest, manche schon seit über einer Woche.
Die Unterbringungsbedingungen sind sehr schlecht und es hat viel geregnet während der letzten Tage. Es gibt kaum Schlafmöglickeiten und die Menschen liegen unter Planen im Schlamm.

Für alle Menschen aus anderen Ländern als Syrien, Afghanistan und dem Irak geht es ab hier nicht weiter. Viele Leute kommen aus Somalia, Marokko, Palästina, Bangladesch oder Pakistan. Sie werden von den Grenzsoldaten nicht weiter gelassen.

Was uns besonders bewegt ist, dass wir hier viele Menschen wieder treffen, die wir in Lesbos schon kennen gelernt haben und die nun hier feststecken. Leute, denen wir aus den Booten geholfen haben, sind nun hier ohne Zukunft!

Seit etwa einer Woche formiert sich Protest: Menschen aus dem Iran beispielsweise haben sich die Münder zugenäht, andere befinden sich im Hungerstreik.

Nun wird der Protest immer entschlossener! Gestern wurde versucht, eine Grenzöffnung zu erzwingen: 2000 Menschen gingen gemeinsam mit Rufen wie „all together“ und „open border“ friedlich auf die Grenze zu. Einige versuchten, den Natozaun zu überqueren, wurden aber wieder zurück gedrängt. An anderer Stelle wurde der Zaun gar komplett niedergerissen.
Das Militär stellte sich mit Maschinenpistolen den Refugees gegenüber. Vereinzelt flogen Steine, was jedoch durch andere Refugees sofort unterbunden wurde.

Wir haben die Nacht damit verbracht, Suppe zu verteilen und trockene Schlafplätze für die Menschen zu suchen. Dabei haben wir die Entschlossenheit der Leute sehr stark gespürt: Ihre Flucht ist hier ganz sicher nicht vorbei.

Fotos: Ⓒ Nathalie Bertrams
www.crossingborders.info

Festung Europa – Unruhen in Idomeni

8. Bericht von Grenzenlos Kochen Hannover: 26.11.15, griechisch-mazedonische Grenze, Idomeni

An der griechisch-mazedonischen Grenze nahe der griechischen Stadt Idomeni versuchen derzeit 2000 Menschen über die abgesperrte Grenze zu kommen. Soldaten mit Maschinengewehren stehen den Geflüchteten gegenüber, die Lage ist sehr unüberschaubar und bedrohlich.

Wir werden später mehr berichten können.

Frontex-Operation als Touristen-Attraktion und eine letzte Kochrunde

7. Bericht von Grenzenlos Kochen Hannover: 25.11.15, Moria/Mytilini/Kavala

Jeder unserer Tage auf Lesbos war anders, vor allem anders als erwartet. Das trifft insbesondere auf unsere letzten drei Tage zu.
Am Montag war auf der gesamten Insel, in den Lagern und am Hafen kein Refugee anzutreffen. Das könnte nach Auskunft mehrerer NGOs am Beginn einer Frontex-Operation vor der türkischen Küste gelegen haben. Die europäisch forcierten Patrouillen der türkischen Küstenwache zwingen die Menschen dabei auf immer längere und immer gefährlichere Routen. Das könnte auch der Grund dafür sein, weshalb am Dienstag Morgen gleich zwei Boote binnen einer Stunde an unserem, weiter von der Türkei entfernten Teil der Küste eintrafen. Im Laufe der letzten Woche hatten die anderen Supporter_innen der NoBorderKitchen und wir einen Handlungsplan für das Eintreffen von Booten entworfen. So war es möglich, die Menschen schnell mit warmen Tee und trockener Kleidung zu versorgen, Kinder zu trösten, medizinische Hilfe für eine Schwangere zu organisieren und Informationen für die weitere Flucht zu verteilen.
Ebenfalls am Dienstag war eine Delegation europäischer Botschafter zu Besuch auf Lesbos. Nachdem sie sich das extra für sie aufgeräumte Camp Moria angeschaut hatten, sorgten wir in Mytilini dafür, dass ihnen ein gebührender Empfang bereitet wurde: Nach einer Begutachtung des Frontexeinsatzgebietes mit einem Boot der griechischen Küstenwache wurden die Botschafter_innen von uns mit einem Transparent mit der Aufschrift „Freedom of Movement- Fight Fortress Europe“ (Bewegungsfreiheit – die Festung Europa bekämpfen) begrüßt, um ihnen die Perversität ihrer Kaffeefahrt vor Augen zu führen.

Mytilini

Pervers deshalb,

  • weil die Abwehr von Menschen, die vor Krieg und Hunger fliehen müssen wie eine touristische Attraktion behandelt wird,
  • weil das Äußern von Kritik durch staatliche Gewalt unterbunden wird,
  • weil erst der Besuch von Botschafter_innen dazu führt, dass die Müllberge in Moria beseitigt werden und eindeutig ist, dass es nicht um bessere hygienische Bedingungen für die Menschen im Lager, sondern um das gute Gefühl der Repräsentanten und Repräsentantinnen geht.

Die griechische Polizei versuchte mit Gewalt das Kundtun der menschenunwürdigen Zustände auf Lesbos und des politischen Kalküls, durch welches mit Menschenleben wie mit Spielfiguren verhandelt wird, zu verhindern.

Abends kochten wir dann ein letztes Mal mit der NoBorderKitchen 300 Portionen, die wir im mittlerweile wieder vollen Moria an viele hungrige Menschen ausgaben. Diese warteten selbst nachts um zwölf noch in 100 Meter langen Schlangen auf dem Boden liegend auf ihre Registrierung.

Jetzt gehen unsere zehn Tage auf Lesbos zu Ende: Gerade befinden wir uns auf der Fähre nach Kavala, um noch einen Tag am griechisch-mazedonischen Grenzübergang Idomeni zu verbringen.

Foto: Ⓒ Axel Javier Sulzbacher

„Hot-Spot“ Moria: Ein Einblick in die Schande Europas

(6. Bericht von Grenzenlos Kochen Hannover)

20.11.15, Camp Moria, Insel Lesbos:

Unser Fotograf hat mit einem Teil der NoBorderKitchen einen Tag in Moria verbracht (s. letzter Bericht). Moria ist eine Registrierungsstelle, ein sog. „Hot-Spot“, den fast alle Refugees aus Lesbos passieren müssen, bevor sie die Insel verlassen dürfen. Zeitweise warten sie hier 7 Tage auf die Registrierung, die hygienischen Bedingungen sind besorgniserregend (s.Fotos). Viele Menschen müssen unter freiem Himmel schlafen, im Sortierungsprozess werden Familien auseinandergerissen (s.Fotos).

Es macht uns unglaublich traurig und wütend, zu sehen.
- wie Menschen nach Nationalität segregiert und in Lager gesteckt werden,
- wie dann die Familien der weniger Glücklichen auseinandergerissen werden, Menschen unter freiem Himmel schlafen und unter menschenverachtenden Bedingungen leben müssen und polizeilicher wie administrativer Willkür ausgesetzt sind,
- wie im Europa des 21. Jahrhunderts Menschen so sehr wie Dreck behandelt werden können, das ganze legitimiert und gefördert durch die „Das Boot ist voll“-Rhetorik in Deutschland u.a. europäischen Ländern,
- wie eine europäische bürokratische Maschinerie das nicht nur in Kauf nimmt, sondern vorsieht.

Doch es gibt Möglichkeiten, dagegen anzukämpfen:
Wenn die Menschen hier in Griechenland, einem Land mit wesentlich existentielleren finanziellen Problemen als andere westliche Länder, mit einer solchen Selbstverständlichkeit teilen, helfen und gemeinsam leben, macht das Hoffnung. Sie versuchen, die staatlich gewollte humanitäre Tragödie, die sich vor dieser Urlaubskulisse abspielt, einzudämmen, und entwickeln dabei eine andere, eine solidarische Art des Zusammenlebens.

Doch dazu im nächsten Bericht mehr!

Weitere Infos zum „Hot-Spot“ Moria:

http://www.proasyl.de/…/hot_spot_center_in_griechenland_ve…/
http://www.proasyl.de/…/hot_spot_lesbos_ein_ort_der_schande/

Update: Seit gestern ist Moria menschenleer. Alle Refugees wurden, teilweise mit Gratis-Tickets für die Fähren, weggeschickt, da der Besuch eines Ministers aus dem Europa-Parlament ansteht…

Fotos: Ⓒ Axel Javier Sulzbacher