Archiv für April 2016

Idomeni: Vermutlich von Polizei-Auto überrollter Mann erliegt im Krankenhaus seinen Kopfverletzungen, 21.04.16

„Hier ist ein Leben nicht viel mehr wert als ein Schirm ohne Regen.“

Ob sich das untenstehende wirklich so wie beschrieben zugetragen hat, können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sicher sagen. Es gilt vielmehr, das mediale Interesse auf die Ursache des Todes des Familienvaters zu lenken und zu einer lückenlosen Aufklärung der Umstände zu kommen.

So oder so gilt für Idomeni leider,
- dass Polizei-Willkür nicht geahndet wird,
- dass immer wieder Menschen schwer verletzt werden,
- dass ein Menschenleben hier nicht viel wert zu sein scheint.

„Uns erreichte diese individuelle und subjektive Beschreibung der
Ereignisse im Lager von Idomeni am 18.04.2016, infolge deren ein Mann zu
Tode kam. Sie ist nicht repräsentativ für die Einschätzung einer Gruppe
oder Organisation. Wir sind der Auffassung, dass dieses Geschehen
kontextualisiert und in größere Zusammenhänge eingebettet werden muss,
um angemessen verstanden und interpretiert zu werden. Strukturelle
Gewalt und Unterdrückung sind Werkzeuge eines Systems, dass durch
Isolation, Ausgrenzung und Ausbeutung menschliches Leid hervorbringt und
immer wieder zum Tod von Individuen führt:

Der Vater des vierzehnjährigen Farid, der mit mir zusammen im Teezelt
Chai ausschenkt, bekam am 18.04. beim Arbeiten auf einem kleinen Gerüst
direkt vor dem Zelt seiner Familie einen Hitzeschlag (oder Ähnliches),
woraufhin er ohnmächtig wurde. Er fiel auf die Hauptstraße des großen
Flüchtendenlagers in Idomeni und blieb liegen. An jenem Tage fuhr die
griechische Polizei außergewöhnlich häufig mit Fahrzeugen durch das
Camp. So ereignete es sich, dass sie rückwärts die Straße entlang
fuhren, kurz nachdem der groß und kräftig gebaute Mann auf die Straße
gefallen war.
Wie genau und warum es geschah, ist mir schleierhaft, doch sie fuhren
rückwärts mit dem linken Hinterreifen über seinen Kopf und fügten ihm
dadurch lebensgefährliche Verletzungen zu. Das ist insofern sonderbar,
als eigentlich alle Autos, die das Camp durchqueren, mit äußerster
Vorsicht, sehr langsam gesteuert und gefahren werden, da allen die große
und stetige Gefahr, jemanden zu überfahren, bewusst ist. Es rennen
andauernd Kinder umher. Viele weichen nicht aus, die Lage ist schwer
überschaubar. Dies wirft also die berechtigte Frage auf, wie es den
fahrenden Polizisten passieren konnte, diesen Mann zu übersehen bzw. was
sie dazu bewegte, falls sie ihn gesehen hatten, dennoch weiterzufahren.
Nach dem Unfall war die ganze Straße mit Blut bedeckt. Der Mann wurde
kurz darauf von Notarztsanitätern abtransportiert und in die
Intensivstation eines nahe gelegenen Krankenhauses gebracht, wo er die
nächsten Tage verbrachte. Direkt nach dem Unfall verbreitete sich im
gesamten Camp das Gerücht, der Mann sei tot, sein Schädel sei geplatzt.
Reale Fotoaufnahmen seines brutal zerstört aussehenden Kopfes kursierten.
Es bildeten sich an der Stelle des Geschehens bald große Gruppen an
Menschen, welche die Polizisten, die die Gefahrenzone mit Bändern und
ihren Waffen abschirmten, verbal attackierten. Niemand konnte sich
erklären, was passiert war, und viele zweifelten nachvollziehbarerweise
die Unabsichtlichkeit an. Sie vermuteten vielmehr eine Intentionalität
hinter dem Vorfall. Teilweise kam es sogar innerhalb verschiedener
Gruppen der Anwesenden zu Meinungsverschiedenheiten, die lautstark
artikuliert wurden. Die Stimmung war extrem aufgeheizt und angespannt,
alle schienen geschockt zu sein. Immer wieder wurde auch nach dem Fahrer
gerufen, er solle sich stellen, sich zur Rede stellen lassen.
Das ist sehr verständlich, zumal dieses Ereignis keinesfalls isoliert
betrachten werden darf, sondern vielmehr mit einer Historie von
Polizeiwillkür und -repression in Idomeni verbunden werden muss. Seit
Wochen tritt sowohl die griechische Polizei als auch die mazedonische in
einer Weise auf, die Ereignisse wie diese in einem seltsamen Licht
erscheinen lässt, ohne dass ich dieses genauer und differenzierter
beschreiben könnte.
Es dauerte nicht lange, bis ein großes und schwer bewaffnetes
Polizeiaufgebot im Lager, besonders um den Ort des Geschehens herum,
aufmarschierte. Sie führten Tränengas, Schilde, Helme und Schlagstöcke
mit sich. Jederzeit einsatzbereit.
Die verbalen Auseinandersetzungen zwischen den großen Menschengruppen
und der Polizei spitzten sich sichtbar zu. Eine physisch-handgreifliche
Auseinandersetzung schien kurz bevor zu stehen, bis die Polizei die
Menschen vehement und aggressiv auseinandertrieb. Das Polizeiauto, das
den Mann überrollte, blieb die ganze Zeit über am „Tatort“ stehen,
umgeben von einem rot-weißen Absperrband und etwa acht Polizisten, die
das Auto abschirmten.
Als die Situation bereits entzerrt schien und die Polizei begann, sich
hinter die Busse auf den Schienen zurückzuziehen, jedoch noch immer
unzählige Menschen auf der Straße aufgeregt versammelt waren, flog der
erste Stein. Dieser traf die Frontscheibe des besagten Polizeiwagens
etwa in die Mitte und verursachte einige Sprünge. Einige weitere Steine
folgten, das Auto erhielt ein paar kleinere Schäden, v.a. an den
Scheiben. Ein Kameramann, der inmitten des Geschehens versuchte, das
Ganze festzuhalten, wurde massiv angegangen. Wahrscheinlich wollten die
Leute bei ihrem Handeln nicht medial überwacht und skandalisiert werden.
Dann knallte das erste Tränengas. Ein weiterer Knall folgte. Ich weiß
nicht, ob es sich tatsächlich um Tränengas oder lediglich um akustische
Abschreckungssignale handelte. Die Polizei marschierte mit einem
verhältnismäßig großen Aufgebot ein und trieb die Leute derart
auseinander, dass danach Stille einkehrte. Wohl auch deshalb, weil die
Menschen nach den Gewaltausschreitungen am 10.04.2016 vermeiden wollten,
dass es erneut zu Verletzungen und Demütigungen kommt.
Die Familie des Mannes war und ist vollkommen schockiert und mental
zerstört. Der Familienvater erlag am Donnerstag, den 21.04., seinen
schweren Kopfverletzungen. Er starb in einem lokalen Krankenhaus.

22.04.2016

The Shorbartisans
Independent Volunteers in and around Idomeni“

Quelle: https://www.facebook.com/The-Shorbartisans-578156182344897/?fref=nf

About the eviction of the camp in Tsamakia, Mytilini, Lesbos

Unsere Freund_innen der No Border Kitchen Lesbos haben nach der gestrigen Räumung ein Statement verfasst:

„About the eviction of the camp in Tsamakia, Mytilene

Today at 6 o‘clock in the morning Wednesday, April 20, 2016 the camp in Tsamakia of Mytilene was violently evicted by strong police forces. Policemen and undercover cops, in cooperation with the coastguard, invaded the camp and forced the immigrants to enter busses, while undergoing physical and verbal threats, as well as sexist and racist comments. During this violent pogramm, the immigrants were not given time to collect their documents and belongings and were not informed about their rights or the destination of the busses. After the eviction of the immigrants, 19 solidarity members were detained without any accusation or explanation and were finally released after being held for 3 hours in the police station. Legal representation was invaluable in mitigating the bullying tactics of the police. During this time, solidarity members were denied permision to care for their pets and all structures and tents were destroyed by the municipality.

During the past 5 months the No Border Kitchen has been active in Tsamakia
beach, promoting open borders for all humans by providing food to more than 1000 people that passed through Mytilene in search of freedom and opportunity. Last month, after Moria, the former registration center became a prison, many people decided to camp around the kitchen in order to enjoy freedom of movement, self-determination and the family atmosphere. Solidarity members have been working, cooking and living together with the migrants in an effort to overcome nationalism and racism. NBK also provided legal and medical advice, first aid and supplied humanitarian needs. Destroying NBK camp is part of a continuing effort on the part of authorities to impede and even stamp out the self-organized solidarity movement of Lesbos which has been active in recent months. Police, the mayor and many authority figures have shown prejudice and discrimination against these solidarity activities as is evident in the threats NBK has received with arrests and eviction since it started.

We as solidarity members choose not to respond to the ridiculous and sensational rumors spread by the press which posted a video of a dead dog to influence public opinion against refugees that killing or eating dogs ocurred in our camp. NBK is a vegetarian kitchen that chooses not to sacrifice any life, let alone cherished pets.

NBK will continue to support the refugees in their struggle to enjoy freedom of movement with human dignity. We will stay! And we still need every help.

No Border Kitchen Lesvos“

NoBorderKitchen Lesbos geräumt

Über 5 Monate nach ihrer Gründung im November 2015 wurde die NoBorderKitchen Lesbos heute von griechischen Behörden und der Festung Europa zerstört!
Nähere Details dazu liefert dieser Bericht der ADM.

Wir erinnern uns an die ersten Tage des Camps (http://grenzenloskochenhannover.blogsport.de/2015/11/20/die-normalitaet-des-unfassbaren/), sprechen unsere Hochachtung für die wundervolle Arbeit in den letzten 5 Monaten aus, und wünschen den nun inhaftierten Bewohner_innen des geräumten Camps viel Kraft im Kampf gegen die Abschiebung! UNTIL ALL ARE FREE!



Fotoquelle: NoBorders Network GR

Violent Consequences of EU Policies in Idomeni Camp, 10.04.16:

Statement by our friends from Aid Delivery Mission in Idomeni:

Once again Aid Delivery Mission is on the ground dealing with the violence unleashed on the people in Idomeni camp.
As of noon Saturday, we became aware flyers from an unknown source were being circulated. They were calling for a protest and border crossing on Sunday morning. Global media has shown how people assembled, the fence was breached and people attempted to cross. As we have witnessed before, the Macedonian forces‘ response was excessively brutal and indiscriminate. While ADM was serving hot food, independent volunteers had to assume the role of emergency medics, working alongside MSF and other volunteers to treat men, women, and children for tear gas, concussion grenade and rubber bullet injuries. We expected there could be violence but we were horrified as Macedonian forces fired teargas canisters directly into peoples living spaces and targeted our soup line. People are fleeing terror in their homelands, only to have it forced upon them again as a further result of EU policy. The camp was turned into a war-zone.

ADM has been the main source of food in the camps since January. We are unpaid independent volunteers cooking and serving thousands of hot meals every single day. Over the past months, working closely with MSF, we have built a strong relationship with the Idomeni community. When we became aware of this latest flyer provoking a border crossing and the rumours surrounding it, we perceived the high risk of violence. In preparation medics in our group briefed volunteers on how to treat teargassed and injured people.

Source: https://twitter.com/BalkanNewsbeat/status/719113966375591936

We have seen the humanitarian nightmare that has been created as a result of the EU policies of border militarisation. We have seen the frustration and desperation of people grow as Fortress Europe locked its doors. We have felt the disastrous, deadly consequences of false hope and dangerous rumours being spread in the camps. Since the Macedonian border was closed in March, we firmly discourage border crossings like this one or the much publicised river crossing (14/3/16). We are aware of the police and military’s capacity for violence. We support people in their struggle for protection, however we do not support actions that will only culminate in disappointment and further excuses for repression.

Sunday morning at 10:00am five representatives of Idomeni camp attempted to have negotiations with the Macedonian police. They stated they wanted to cross the border peacefully and would wait for as long as necessary. The Police response was clear. Having orders from the EU to enforce the border, they replied all borders on the Balkan route, including Macedonia’s, would remain closed. They would not let them pass. All involved in this negotiation expressed there was no need for violence. Ten minutes after this, approximately a thousand people assembled at the border fence. There was a peaceful demonstration. Eventually the fence was breached in at least two points and some people crossed into no man’s land. The Macedonian forces‘ response was to begin firing teargas and rubber bullets into the crowd. This sparked an escalation.

Source: https://twitter.com/LighthouseRR/status/719114997964648448

Some people at the fence reacted by covering the teargas canisters with blankets, others attempted to throw them back. The Macedonian forces sprayed a chemical mix from a high pressure water cannon, threw concussion grenades and shot people – many in the head – with large and small rubber bullets. This can be lethal or cause permanent injuries. The people who crossed earlier were severely beaten and pushed back. Others were badly burned by hot gas canisters.

A relatively small group of around a hundred people maintained a presence on the border and were heavily targeted. Over the course of the day, the soldiers and police firing the teargas chose to also aim behind this group. Teargas canisters rained down on the main road entering the camp hundreds of meters behind the border, rolled into tents and burned peoples eyes, throats and faces. Camp residents, volunteers and Greek police were all affected by this calculated attack on non-aggressors. Taking advantage as the wind shifted to blow through the camp, forces in Macedonia intensified their assault. MSF and volunteers were among the crowds treating the injured. We were shocked and outraged to find ourselves repeatedly flushing the eyes of terrified children, mothers, and elderly people in pain. We did our best while children as young as three screamed in uncomprehending agony and beat at their eyes. People were affected almost everywhere in the camp through out the day. Reports state fifteen children under the age of five were injured. In short it was an atrocity.

Video showing tear gas in the camp

We absolutely condemn the actions of the Forces in Macedonia, however they are enforcing the law of the EU. Macedonian authorities were allowing people to continue to cross as recently as February. We see this attack as a direct result of Fortress Europe’s policies of exclusion, militarisation of borders and callous disregard for the lives of people fleeing war and seeking safety and protection. We see the violence of this attack as an expression of the violence of EU policies. Further, these self organised protests are an expression of people’s desperation and frustration; they are confronted by the reality of a failing and bottle-necked bureaucratic procedure while they are struggling to survive in abysmal conditions. To imply protests are organised by ‚western activists‘ is profoundly racist and patronising. This idea insults both the intelligence and agency of people in the camps, as well as the integrity and dedication of the many volunteers attempting to bring some kind of humanity to an inhumane situation. Until freedom of movement is guaranteed for everybody and the borders are demilitarised, the EU continues to perpetuate human misery and create a situation where attacks like this can and most likely will continue to happen with loud condemnation and quiet sanction from the European heads of state.

- Aid Delivery Mission

Also to be found on Facebook and on Indymedia.

The Independent Information-Team

Das “Unabhängige Info-Team”, bei dem 2 Menschen von GKH die letzten 10 Tage mitgearbeitet haben, hat jetzt eine Website, auf der es seine Info-Texte präsentiert – und ein Selbstverständnis:

We are an independent group of people, who see migration as part of a bigger social struggle.
Information is a key-method to empower people and to clarify their rights.
It is therefor in our interest to provide as much valid information for all people who want to cross borders, in the most transparent and accessible way possible.
It is not our place to give advise, false hope, or to give out any information we have not rechecked for validity.
In solidarity,
The Independent Information-Team
- http://informationflyers.wix.com/stayrebell