“Festung Europa Reloaded” – Abschlussbericht von “Grenzenlos Kochen Hannover in Idomeni”

Im März waren wir, 4 Menschen von “Grenzenlos Kochen Hannover”, in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze, wo 12.000 Geflüchtete in Zelten auf eine Öffnung der Grenze hoffen.
In dieser Zeit haben wir mit verschiedenen Teams zusammengearbeitet, darunter “Hot Food Idomeni”, “Aid Delivery Mission” und das “Independent Information-Team”, das das Info-Zelt in Idomeni betreut.
In diesem Bericht möchten wir euch nach unserem 1. Zwischenbericht einen Einblick geben, was wir in Idomeni eigentlich gemacht haben:

Wir haben, zusammen mit Dutzenden von Volunteers und in einem unvorstellbaren Ausmaß von meist bis zu 10.000 Mahlzeiten pro Tag, Essen gekocht und verteilt:


Mohrrüben und Zwiebeln für 2 Tage


Essensausgabe

Wir haben Sachspenden entgegengenommen, sortiert und die koordinierte Verteilung übernommen:


Schuhe und Zelte für die ADM

Wir haben uns an der Sammlung, Zusammenfassung und Weitergabe von Informationen im Rahmen des Info-Teams beteiligt.


Informationen zur Familienzusammenführung


Auch Englisch-Unterricht hat im Umfeld des Info-Zelts stattgefunden

Sowohl das Essen, als auch die Sachspenden, als auch die Infos haben wir dabei nicht nur im Camp Idomeni, sondern in Absprache mit anderen Gruppen auch an der Eko Gas Station, Hotel Hara und anderen Orten vorgenommen. An diesen weiter von der Grenze entfernten Orten befinden sich ebenfalls Tausende von Geflüchteten in Zelten. An die Eko Gas Station wurden wir zum Beispiel von Lighthouse Relief eingeladen, um etwas über die aktuellen offiziellen Optionen in Griechenland zu erzählen und die Fragen der Geflüchteten zu beantworten.


Eko Gas Station – Letzte Autobahn-Tankstelle vor der Grenze – hier leben seit Monaten Tausende von Geflüchteten, da die Polizei hier, 20 km vor der Grenze, die Busse in Richtung Idomeni stoppt


Hotel Hara, 2km vom Grenzübergang entfernt

Man muss dazu sagen, dass die Aktivist_innen, die derzeit in Griechenland sind, in den letzten Monaten starken medialen Anfeindungen ausgesetzt sind: Viele große Pressestellen beschränken ihre Recherche zu Ausschreitungen auf Polizei- und Regierungsberichte oder sogar auf Gerüchte aus Online-Foren. So werden Aktivist_innen für Feuer auf Lesbos und für Grenzmärsche in Idomeni als verantwortlich betitelt, ohne dass dafür irgendwelche Belege vorlägen. Gleichzeitig wird den Geflüchteten jedwede Möglichkeit der Selbstorganisierung abgesprochen.
Dass hinter solchen Behauptungen natürlich auch immer selbst ein politisches Kalkül steht und diese nicht der Wahrheit entsprechen müssen, wird vernachlässigt, wenn es ins aktuelle Stimmungsbild passt.
Gemeinsam mit dem Info-Team haben wir daher auch auf die Absurdität aufmerksam gemacht, dass Menschen, die in Griechenland Asyl beantragen wollen, hierfür zunächst in einer beschränkten Zeit von teilweise einer Stunde pro Woche versuchen müssen, per Skype die Asylbehörde zu kontaktieren – die dementsprechend natürlich nicht erreichbar ist.
Inzwischen ist die Petition einer 20-jährigen Syrerin zur erfolgreichsten Kampagne gegen diesen Missstand geworden.


Vergebliche Versuche, einen Termin zu beantragen, um einen Asylantrag stellen zu können


Protest-Banner gegen das Skype-Verfahren

Eine gute Übersicht über die Arbeit des “Independent Information-Team” erhaltet ihr auf ihrer Info-Seite.

Zu unserer Arbeit im Rahmen des Info-Teams gehörte es auch, die Konditionen der Militär-Camps, in die die Refugees aus Idomeni mal mehr, mal weniger freiwillig gebracht wurden, zu überprüfen und die gesammelten Informationen ohne Wertung an die Refugees weiterzugeben.
Normalerweise sollte man hoffen, dass es für eine Frau, die im achten Monat schwanger ist, überall besser ist als in der Zeltstadt Idomeni. Berücksichtigt man jedoch, dass selbst in Militärcamps mit über 1000 Bewohner_innen keine medizinische Fachkraft eingeplant ist und Fahrten in die teils stundenlang entfernten Krankenhäuser nur mit dem Taxi möglich sind, das aus eigener Tasche bezahlt werden muss, versteht man, warum auch heute noch Kinder im Camp Idomeni zur Welt gebracht werden.
Zur Veranschaulichung hier ein Foto des Militärcamps in Alexandri:

Immer wieder berichten Refugees aus offiziellen griechischen Lagern von dem Gefühl, von der Welt und von allen Hilfsorganisationen vergessen zu sein (Fotos von verschimmeltem Essen, vermutlich aus dem Militärcamp Cherso nahe Idomeni, Berichte über Perspektivlosigkeit im Camp Vial auf Chios, Berichte über mangelhafte Babynahrung im Camp Vial auf Chios).
Die Befürchtung, beim Verlassen des Grenzbereichs bei Idomeni nicht nur jede politische Ausdruckskraft, sondern auch jegliche Aufmerksamkeit und damit letztenendes jede noch so kleine Perspektive zu verlieren, erscheint verständlich. Das, und nicht die vermeintliche Einflussnahme der Aktivist_innen ist es, was die Refugees in der Zeltstadt Idomeni verharren lässt.

Video: „The Green Raincoat in Idomeni“

Hierzu an dieser Stelle ein Interview, das weitere Einblicke in die Arbeit im Camp Idomeni ermöglicht.

Außerdem haben wir während unserer Zeit in Idomeni das Refugee Movement Team, eine Gruppe von Menschen aus den Gruppen “O-Platz”, “Lampedusa in Hamburg” u.v.m. getroffen. An ihrem ersten Tag in Idomeni haben wir ihnen das Camp etwas gezeigt. Das Refugee Movement Team hat in Idomeni und vielen weiteren Orten in Griechenland Gespräche mit Geflüchteten geführt. Hier findet ihr z.B. ein Interview mit der 11-jährigen Rita.

Das Refugee Movement Team hatte neben der Berichterstattung auch das Empowerment der Geflüchteten in Griechenland zum Ziel.
Das führt uns zu dem Fazit, dass die Unterstützung durch Volunteers in den verschiedensten Bereichen (zunächst insbesondere im Bereich der rechtlichen Beratung und im Bereich Medizin) zwar wichtig ist, die Refugees in anderen Bereichen (z.B. Infrastruktur, Ernährung und Bildung) durchaus von Beginn an selbsständig agieren können, wenn sie die entsprechenden Mittel und Ressourcen haben.
Es ist nicht nur wesentlich nachhaltiger, sondern auch im Interesse der meisten Refugees, wenn die Versorgung schrittweise in eine Selbstorganisation übergeht und nicht an die Stelle der Abhängigkeit von staatlichen Akteuren die Abhängigkeit von Volunteers tritt.
Das heißt nicht, dass Volunteers und Aktivist_innen vor Ort nicht mehr gebraucht werden. Jede helfende Person ist gerne gesehen, doch ihr Ziel sollte sein, zu versuchen, sich nach und nach überflüssig zu machen.

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Und was ist mit den Spendengeldern passiert?

2000€ der Spendengelder haben wir an die Kochgruppe “Hot Food Idomeni” weitergegeben. Mit ihnen haben wir den ersten Tag in Idomeni verbracht und festgestellt, dass sie gute und wichtige Arbeit leisten. Jetzt haben sie grade eine Feldküche direkt in Idomeni errichtet, um das Essen direkt vor Ort zubereiten zu können.

Die Gruppe “Hot Food Idomeni”


Die Schlange vor der Essensausgabe von “Hot Food Idomeni” an einem regnerischen Tag

Was selbst die kleinste Spende bewirkt, veranschaulicht diese Aufstellung:
1 Tee, gekocht vom SolidariTea-Team, kostet 3,26 Cent
1 Mahlzeit kostet, je nach Größe der Küche, 50 Cent oder weniger.


Das Tee-Zelt

Weitere 300€ der Spendengelder gehen an einen Freund, der grade ein Projekt startet, damit Geflüchtete mit starker Sehschwäche eine Brille bekommen können. Hierzu wird ein Augenarzt ins Camp kommen, um die Sehschwäche zu messen, woraufhin ein Optiker zum bestmöglichen Preis von 20-30€ einfache Brillen anfertigen wird. Über den Fortschritt dieses Projekts werden wir euch hier auf dem Laufenden halten.

Eine kleine Sammlung verschiedenster Aktivist_innen und Organisationen in Griechenland und speziell in Idomeni findet ihr hier.
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Danke an alle, die gespendet haben und spenden, um die Support-Touren möglich zu machen!

Wenn ihr ebenfalls darüber nachdenkt, die Refugees auf der Balkanroute zu unterstützen, schaut mal in unseren Activist Guide.

Nähere Eindrücke bekommt ihr in unseren Info-Veranstaltungen, in denen wir sowohl von unserer Zeit auf Lesbos im November 2015 als auch von unserer Zeit in Idomeni im März 2016 berichten werden:

10.05.16, 19 Uhr – Fanräume Millerntorstadion, Heiligengeistfeld 1a, Hamburg
http://www.fanraeume.de/
18.05.16, 19 Uhr – Haus der Jugend, Maschstraße 22, Hannover – im Rahmen der Jahreshauptversammlung des Friedensbüros Hannover (öffentlich)
24.06.16, tba – Refugees Welcome Fest, Kulturzentrum Faust, Warenannahme
28.06.16, 19 Uhr – Kulturzentrum Pavillon, Lister Meile 5, Hannover – im Rahmen der Veranstaltungsreihe des fclr

Until all are free!

grenzenloskochenhannover@posteo.de